Die Wärmebildung und ihre Bedeutung für das Immunsystem
Seit
alters her wird die Wärme als heilendes und schmerzlinderndes Agens
therapeutisch genutzt. In der Natur ist sie unverzichtbar für das
Wachsen und Gedeihen von Pflanze, Tier und Mensch. In der winterlichen
Kälte erstarrt das Wachstum. Das Pflanzenleben ist erstorben, viele
Tiere verbringen den Winter in der Starre des Winterschlafes. Sobald
sich die Erde im Frühling wieder erwärmt beginnt sich das Pflanzenleben
wieder zu regen und überall können wir reges Wachstum erleben. Höher
entwickelte Tiere und der Mensch sind durch die Fähigkeit Eigenwärme zu
erzeugen unabhängiger von der Außentemperatur aber nicht unbegrenzt und
auch sie benötigen zum wachsen und gedeihen die Wärme. Für das Gemüt
des Menschen spielt die Wärme eine große Rolle. Im Winter erleben wir
mehr die zusammenziehende und konzentrierende Wirkung der Kälte. Es
besteht ehr eine Neigung zur Ruhe und Introversion, man ist mehr nach
Innen gerichtet. In der wärmeren Jahreszeit fühlt man sich ehr
gelöster, aktiver und Bewegungsfreudiger. Das Interesse an der
Außenwelt wird stärker. Wärme erzeugt Ausdehnung und Extroversion.
Für Gesundheit und Wohlbefinden ist der Mensch angewiesen auf die
Aufrechterhaltung einer in relativ engen Grenzen gehaltenen
Körpertemperatur von 37° C. Schone eine Abweichung von nur 5° nach oben
oder Unten ist Lebensbedrohlich. Eng gekoppelt mit dem Wärmehaushalt
ist auch das Immunsystem. Ein intaktes Imunsystem reagiert auf akute
Verletzungen mit angemessener örtlicher Hitze oder bei generellen
Infektionen mit Fieber.
In der antroposophischen
Medizin spricht man von einem eigenständigen Wärmeorganismus des
Menschen. Er wird als Träger der Ichfunktion bezeichnet. Rudolf Steiner
spricht von den vier Wesensgliedern des Menschen, dem physischen Leib,
dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich. Den festen Menschen bzw.
Alles was als fest und kompakt (z.B. Knochensubstanz) am Menschen
wahrgenommen werden kann nennt er den Träger des physischen Leibes,
alles was als flüssig bezeichnet werden kann ist Träger des
Ätherleibes, das Luftartige Träger des Astralleibes und der Wärmemensch
ist Träger und Ausdruck des Ich. In diesem Sinne kann von einem festen,
einem flüssigen, einem luftigen und von einem Wärmemenschen gesprochen
werden. Fieber zum Beispiel ist nicht nur der Ausdruck einer Reaktion
des Immunsytems sondern zugleich der Ausdruck des Eingreifens der
Ichfunktion des Menschen. Damit das Ich in die physiologischen Vorgänge
eingreifen kann, benötigt es die Wärme, im Falle eines entzündlichen
Geschehens Fiebertemperaturen.
Die
häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung zeigen eine immer stärker
werdenden Tendenz zu den chronischen, tendenziell mehr kalten
Krankheiten, als Ausdruck eines immer schwächer werdenden Imunsystems.
Das heftige akute Rheumatische Fieber zum Beispiel ist kaum noch
anzutreffen, dagegen steigt die Zahl der an chronischem Rheuma
leidenden Patienten. Die Bakteriellen Infektionen mit hohem Fieber und
heftigen Reaktionen gehen zurück, zugunsten der Virusinfektionen die im
Vergleich mit geringeren Fiebertemperaturen einhergehen. Die
Krebspatienten berichten vorwiegend, über lange Jahre keine
fieberhaften Erkrankungen zu kennen. In einer Studie habe ich kürzlich
gelesen, dass die durchschnittliche, normale Körpertemperatur im
Bevölkerungsdurchschnitt nur noch um 36° pendelt, das ist um einen Grad
niedriger als die mit 37° angegebene Normaltemperatur des Blutes. Man
könnte auch sagen, die Menschen sind kälter geworden. Der Zusammenhang
zwischen Wärme und Immunsystem ist allgemein bekannt und die
Überwärmungstherapie hat inzwischen einen anerkannten Platz in der
modernen Krebstherapie. Wärmeanwendungen in Form von Bädern und Wickeln
haben eine lange Tradition und auch das Saunabad ist als allgemein
abwehrsteigernde Maßnahme anerkannt. In der Naturheilkunde wird die
Ezeugung von Fieber als Umstimmungstherapie häufig genutzt, zum
Beispiel durch Eigenblut. Auch in der Misteltherapie besteht eine
wünschenswerte Reaktion in der leichten Erhöhung der Körpertemperatur.
Es stellt sich die Frage, welche therapeutischen Maßnahmen die gesunde
Eigenwärme des Menschen, die Abwehrkraft und eine zeitgemäße
Ichentwicklung Sinnvoll unterstützen können.
Die äußerlichen Wärmeanwendungen sind sicherlich sinnvolle Maßnahmen,
aber auf Dauer wirken sie doch passiv und stärken nicht den
individuellen Wärmeorganismus. In vielen Fällen schwächen sie Ihn
sogar, denn die äußere Wärmezufuhr lässt die Eigenaktivität des
Wärmeorganismus noch mehr einschlafen. Eine größere Anregung für die
Eigenaktivität des Wärmeorganismus stellen die oben aufgeführten
Umstimmungstherapien oder die Kaltwasser Anwendungen dar. Häufig ist
aber zu beobachten, dass der Wärmeorganismus schon so schwach ist und
mit Reiztherapien ehr überfordert wird. Erfahrene Kneipanwender können
mit Recht hier auf die Anregung des Wärmeorganismus durch kalte Güsse
oder Wickel usw. Hinweisen. Schaut man aber genau hin, wird man
feststellen, dass die Schwäche bei vielen Menschen so stark ist, dass
sie nicht mehr mit der nötigen Wärmeentwicklung reagieren können und
unter Umständen noch mehr auskühlen. Das heißt, es wird immer
dringlicher, Möglichkeiten zu finden, den Wärmeorganismus so aufzubauen
und zu stärken wie es der gegenwärtigen Situation und zeitgemäßen
Entwicklung des Menschen entspricht.
Die einfache Beobachtung des Alltagslebens zeigt zum Beispiel die
Bedeutung der Bewegung als erwärmendes Element. Diese Art der
Wärmeentwicklung beruht auf der Anregung von Stoffwechsel und
Kreislauf. Der Stoffwechsel kann auch durch südliche Gewürze wie
Thymian, Rosmarin, Ingwer u. Andere, oder durch erwärmende Getreide wie
Hirse und Hafer angeregt werden. Nach einer kühlen Dusche oder einem
kühlen Bad antwortet der gesunde Organismus mit vermehrte Durchblutung
und Durchwärmung. Daher können Bewegung, Sport, entsprechende Ernährung
und kalte Wasseranwendungen als sinnvolle Möglichkeiten der
Wärmeanregung betrachtet werden. Für sehr geschwächte Menschen können
aber die Kaltwasseranwendungen schon eine Überforderung darstellen und
ich möchte daher an dieser Stelle besonders die Anwendung von warmen
Bädern ansprechen, die auch von einem geschwächten Imunsystem noch
adäquat beantwortet werden können. Als warme Bäder gelten
Wassertemperaturen von 34° - 36° C, die leicht unter der normalen
Körpertemperatur liegen. Es entsteht dadurch nur ein leichter Reiz für
den Wärmeorganismus, ohne die Gefahr der Auskühlung. Im Gegensatz zum
heißen Bad, das eine rein passive Wärmezufuhr bedeutet, entsteht hier
die Wärmeentwicklung mehr von Innen, aus einer Eigenaktivität des
Wärmeorganismus.
Zu meinen eindrucksvollsten Erlebnissen gehören die Wanderungen im
Gebirge, die durch die Latschenzone führen. Oftmals habe ich intensiv
die Wärme gespürt, die von den Latschenkiefern ausgeht, selbst wenn die
Außentemperaturen noch winterlich kalt sind. Ein stilles verweilen und
aufmerksames Beobachten der Latschenkiefern vermittelte den Sinnen den
würzigen Geruch des ätherischen Harzöles und die spürbare Ausströmung
von Wärme, die nicht nur die äußere Haut berührte, sondern auch eine
wohlige innere Wärme und Freude empfinden ließ. Die Luft in
unmittelbarer Nähe der Latschen rief ein ähnliches Empfinden wach, wie
es bei der Betrachtung der lebendig bewegten Luftströmungen oberhalb
einer Feuerflamme entsteht und manchmal machten mir die Latschen den
Eindruck regelrechter Feuerflammen.
Auch die Betrachtung der
Pflanzenfamilie der Lippenblütler offenbart die Verwandtschaft zur
Wärme. Fast alle Pflanzen dieser Familie sind bekannte Heilkräuter,
z.B.: Melisse, Thymian, Rosmarin, Salbei, Minze, Basilikum, Quendel,
Lavendel...Sie sind besonders reich an ätherischen Ölen und wachsen
bevorzugt im warmen Mittelmeerraum. Ihre intensive Nektarbildung macht
sie zu beliebten Bienenweiden. Öl und Zuckerbildung sind im
Pflanzenreich Ausdruck von Wärmeprozessen. Als Gewürz und Heilpflanzen
regen die Lippenblütler vor allem den Stoffwechsel an.
Rudolf Steiner schilderte in einem seiner Vorträge vor Ärzten den
Bildeprozess von ätherischen Ölen in der Pflanzenwelt als den
Wärmeprozess in der Natur, der in dem durch das menschliche Ich
stattfindendem Wärmeprozess seine Entsprechung findet. Er regte eine
Therapie zur Stärkung der Ich-Kräfte an, indem eine mit Olivenöl
verdünnte Lösung von ätherischen Ölen als feinste Emulsion in Wasser in
Form eines Bades an den Menschen herangebracht wird. Diese Anregung
wurde von dem med. Bademeister H. Junge aufgegriffen. Nach intensiver
Forschung löste er das Problem, Öl mit Wasser in der erforderlichen
feinen Emulsion zu verbinden und entwickelte das nach Ihm genannte
Öl-Dispersionsgerät. Dieses mundgeblasene Glasgerät ermöglicht durch
eine genau abgestimmte Wirbelbildung die Herstellung einer geeigneten
ÖL-Wasser Dispersion. Das Gerät ist leicht zu handhaben und kann
einfach an die Dusche angeschlossen werden. Das hat den Vorteil, dass
Patienten die Anwendung auch zu Hause durchführen können.
Aus einer rein physiologischen
Sichtweise haben Untersuchungen ergeben, dass die ätherischen Öle sehr
gut über die Haut aufgenommen werden und Ihre Wirksamkeit nicht nur an
den Hautrezeptoren, sondern direkt auch in der Blutbahn entfalten
können. Bei herkömmlichen Bädern mit ätherischen Bestandteilen ist
dagegen eine Aufnahme in die Blutbahn nur sehr gering und die Wirkung
richtet sich fast ausschließlich an die Wahrnehmung und Reaktion über
den Geruchssinn. Inzwischen gibt es eine breite Palette an Ölen für das
Öldispersionsbad die von ihrer Wirkung gezielt auf das individuelle
Krankheitsbild abgestimmt werden. Die Badetemperatur beträgt 1°C unter
der individuellen Körpertemperatur, die vorher durch messen ermittelt
wird. Durch eine aus der Erfahrung gewonnenen besonderen Technik von
Bürstenstrichen während des Badens wird die Durchblutung und die
Resorption des ätherischen Öles verstärkt. Durch das Jungebad wird der
Wärmeorganismus zum einen durch das unter der Körpertemperatur liegende
warme Bad angeregt und zum anderen durch die Wirkung der Ölzubereitung
gezielt dem Krankheitsbild entsprechend gestärkt. Inzwischen liegen
viele positive Wirksamkeitsnachweise, vor allem aus anthroposophisch
orientierten Kliniken vor. Die Therapie ist auch für sehr geschwächte
Patienten geeignet oder für Patienten mit schweren Hautstörungen. In
allen Fällen gilt aber besondere Vorsicht bei der Wahl der Öle, denn
die Reaktion kann je nach Öl recht heftig sein. Einige Öle können ohne
Bedenken von Laien zur Vorbeugung, allgemeinen Kräftigung oder bei
Erkältung angewandt werden, zur Therapie einer schweren Erkrankung oder
vor Anwendung kräftiger wirkenden Öle sollte aber unbedingt ein mit dem
Jungebad vertrauter Therapeut zu Rate gezogen werden. In der eigenen
Praxis habe ich auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht dem Ölbad eine
passende Bachblüte oder ein Potenziertes Metall zuzugeben. Von dem
Bachblütenkonzentrat werden 10 Tropfen zusammen mit dem ätherischen Öl
in das Dispersionsgerät gegeben oder eine Ampulle des potenzierten
Metallpräparates.
Trotz der auch in meiner Erfahrung liegenden hohen Wirksamkeit der
Jungebadanwendung auf den Wärmeorganismus bleibt mir aber immer noch
die Frage nach der Ich-Stärkung und ob diese in jedem Fall durch die
bloße Anwendung gegeben ist.
Denkt man einmal
über die menschliche Wärme nach, so bezeichnet der Begriff doch zwei
recht verschiedene Typen von Wärme. Einmal können wir eine Wärme
konstatieren, die sich recht deutlich auch in der Körpertemperatur
ausdrückt und Ergebnis von Stoffwechsellprozessen ist und zum anderen
wird damit aber auch eine seelische Qualität angesprochen. Herzenswärme
und Seelenwärme sind geläufige Ausdrücke, die aber nicht auf die bloße
Körpertemperatur bezogen sind. Die Entwicklung von Seelenwärme ist
immer an eine aktive Beziehungsaufnahme, an eine Hinwendung von einem
bewussten Ich zu einem Du gebunden. Sich erwärmen für eine Sache oder
Person kann nur jemand, der auch ein Reges Interesse für die Sache hat.
Therapeutische Anwendungen, Übungen oder gesunde Nahrung können daher
durch passives Hinnehmen oder konsumierendes Schwelgen in angenehmen
Körpegefühlen nicht wirklich ein Ich stärken oder eine tiefgreifende
Umstimmung bei schweren Erkrankungen bewirken. Hierzu ist eine echte
Beziehungsaufnahme notwendig. Heilanwendungen wie z.B. Bäder können
aber eine praktische Grundlage bieten, den Patienten anzuleiten, einmal
ganz bewusst und Aufmerksam auf seine Sinneswahrnehmung zu achten und
auch seine Gedanken auf das Geschehen auszurichten. Das Jungebad eignet
sich z.B. Dazu, auch einmal ein Bild der Pflanze zu betrachten deren
Ätherisches Öl benutzt wird, den Duft bewusst wahrzunehmen, das
Empfinden auf der Haut usw. Auch Gedankenanregungen über das Wesen der
Pflanze aus der Erfahrung des Therapeuten oder des Patienten eignen
sich gut. In der wichtigen Ruhephase danach bewusst die entstehende
Wärme zu betrachten, woher kommt sie? Wie intensiv wird sie Empfunden?
Wo spüre ich sie am stärksten? Wie wirkt sie auf mein Empfinden?... Auf
diese Weise kann die Anwendung über die rein physiologische Wirkung
hinaus auch die Seelenseite ansprechen.
Sonntag, 15. November 2009
Die Wärmebildung und ihre Bedeutung für das Immunsystem
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